Gleiwitzer Kreis Verein Gleiwitzer Kreis
Mit dem Menschenleben ist es wie mit einem Fußballspiel…
Predigt zur Beerdigung von Herrn Georg (Jerzy) Cich


Liebe Ehefrau des verstorbenen Georg Cich – Frau Christa Cich, liebe Kinder Johanna und Harald mit Euren Familien, liebe Schwestern Frau Marianne Stegmann und Frau Theresia Rutenberg mit Euren Familien, liebe Angehörige der Familie Cich, liebe Freunde und Freundinnen, Arbeitskollegen und Arbeitskolleginnen, Nachbarn und liebe Gäste aus Polen, liebe Vertreter des Fußballklubs „Piast Gliwice“ aus Schlesien, liebe trauernde Gemeinde!

Ein Mensch ist Euch genommen worden – ein Mensch der seinen festen Platz in Eurem Alltag, Euren Plänen, Euren Vorstellungen von Gegenwart und Zukunft hatte. Ein Mensch, der einmalig war, unaustauschbar und unersetzlich. Der Tod eines lieben Menschen ist unbegreiflich. Auf einmal ist der Platz leer, den ein für uns wertvoller Mensch bislang einnahm. Wir fühlen uns wie gelähmt, wir glauben keinen Schritt weiter tun zu können. Als Freund Eurer Familie möchte ich Euch mein tief empfundenes Beileid aussprechen.
Der Tod kann wie ein Unglück über Menschen hereinbrechen, er kann aber auch wie der Abend nach einem langen und gefüllten Tag sein. Für Georg Cich war in diesem Sinne Lebens-Abend. Er konnte nach der letzten beschwerlichen Wegstrecke – seit 15. März lebte er im Altenheim St. Elisabeth, jeden Tag liebevoll von seiner Frau Christa gepflegt und oft von seinen Schwestern Marianne und Thea besucht – nun am vergangenen Mittwoch im Frieden Gottes entschlafen und heimgehen. Und die Angehörigen und alle, die um ihn trauern, erfüllt eigentlich nicht Bitterkeit, sondern eher Wehmut.
Hier am Sarg stehend, denke ich persönlich an die vielen schönen Stunden, die ich mit Jörg erleben durfte. In der Kirche, bei den Gottesdiensten, Andachten und Pfarrfesten. Vom Altar aus nach links geschaut – habe ich mich jeden Sonntag gefreut: „Jerzy und Christa sind da!“. Einmal im Monat trafen wir uns beim Kegeln in WdH – gute Gelegenheit zum Austausch zu verschiedenen Themen der Pfarrgemeinde und des Lebens. Bei den meisten Familienfesten des sogenannten „Clan“ Cich war ich dankbar dabei: Geburtstage, Namenstage, Jubiläen, Hochzeiten von Johanna und Rainer, und nicht zuletzt Taufen. Lebendig steht Jörgs 70 Geburtstag vor meinen Augen, den er im Aschbacher Berghotel feierte, mit vorheriger hl. Messe in einer kleinen Dorfkirche. Wie glücklich war Jörg damals, die ganze Familie und eine große Schar seiner Freunde und Freundinnen um sich zu haben, schon im Ruhestand, aber weiter im Lehrwesen tätig, in voller Kraft. Ich denke auch an die Goldene Hochzeit von Christa und Georg im Herbst 2010 im Gasthof Siegertsbrunn. Obwohl Jörg das Nachlassen der Lebenskräfte schon zu spüren hatte, freute er sich sehr über die schönen dichterischen und musikalischen Beiträge seiner Enkelkinder.
Nun, sein Leben ist abgeschlossen. Weder über den Tod noch über das Leben eines Menschen können wir reden wie über irgendein Thema – so als stünden wir darüber. Im Gegenteil: der, der da im Tod von uns geht, ist uns ja voraus, ist weiter als wir. Der Tod entzieht uns einen Menschen in seinem tieferen Sinn: wir ahnen, dass der Verstorbene nicht darauf angewiesen ist, von uns gewürdigt zu werden, dass nur Gott selbst ihm gerecht werden und ihn würdigen kann. Deshalb wollen wir weniger reden als vielmehr hören: hören auf das, was Georg uns zu sagen hat – mit seinem Leben und Sterben, mit Wirken und Leid, mit seiner Liebe zu Gott und seinen Mitmenschen, auch mit seinen Fehlern und Schwächen; was er uns zu sagen hat, die wir noch unterwegs sind, und nicht am Ziel.

Was hat den verstorbenen Georg ausgemacht? Was hat ihn im Innersten getragen und getrieben? Diese Frage zu beantworten, helfen uns die Stationen seines Lebens.
Jerzy – Georg wurde am 28. 12. 1930 in der Familie Johann Cich und Agnes Giemsa in Gleiwitz/Oberschlesien geboren und ist dort mit seinen zwei Schwestern aufgewachsen.
In Gleiwitz besuchte er die Volksschule und daran anschließend das Friedrich-Wilhelm Gymnasium. Nach dem 2. Weltkrieg ging er zunächst für drei Jahre auf ein Industriegymnasium, danach für zwei Jahre auf ein Lyzeum für Mechanik und schloss dieses Im Jahre 1951 mit dem Abitur ab. Danach absolvierte er ein technisch-pädagogisches Studium in Beuthen/Bytom und begann 1952 seine Tätigkeit als Lehrer an einem Gymnasium für Keramik und feuerfeste Materialien. Diese Lehrtätigkeit führte er 28 Jahre aus - bis 1980. In der Zeit von 1968 bis1973 schloss er auch ein Fernstudium an der Schlesischen Technischen Universität in Gliwice als Diplom-Maschinenbau-Ingenieur ab und wurde danach als Studienrat eingestellt. Seine Lehrtätigkeit beinhaltete technisches Zeichnen, Maschinenkunde, technische Mechanik, Sicherheits- und Arbeitsschutz.
Ein wichtiges Datum im Georgs Leben war die Eheschließung mit seiner geliebten Krystyna – Christa, geb. Apostel, am 29. 10. 1960 in der Christ König Kirche in Gliwice. Die Ehegatten schenkten bald darauf zwei Kindern das Leben, Harald und Johanna. Die beiden haben später als „Gegenleistung“ - wenn ich so sagen darf - mit ihren Ehegatten ihren Eltern sechs Enkelkinder geschenkt, was für die beiden große Freude und wahres Glück bedeutete.
Unser Verstorbene Georg war ein fleißiger und ehrgeiziger Mann. Familienleben, Beruf, Geld verdienen, Weiterbildung, Studium… Trotzdem hat er noch die Zeit gefunden, um ein 2-jähriges Fußballtrainerstudium abzulegen. Nach dessen Abschluss erhielt er den Titel eines Fußballtrainers der 1. Klasse. In diesem Beruf war er 15 Jahre tätig, von 1964 bis1979, u. a. als Trainer einer II. Ligamannschaft „Piast Gliwice“ (Gleiwitz). Für seine berufliche Tätigkeit sowohl im Lehrwesen als auch im Fußballsport erhielt er verschiedene Auszeichnungen, u. a. das „Goldene Verdienstkreuz“, obwohl er niemals der kommunistischen Partei angehörte.

Ein Wendepunkt im Leben von Georg Cich war das Jahr 1981. Am 27. Januar dieses Jahres siedelte er nach mehrmaliger Antragstellung im Rahmen der Familienzusammenführung mit seiner Frau und zwei Kindern nach Bayern um. Damit hatte der zweite Band seines Lebensbuches begonnen: die zweite Heimat, nicht leichte Anfänge, um neue Wurzeln schlagen zu können, Monate in Geretsried, die Suche nach Arbeit, endlich die eigene Wohnung in Neuforstenried, und im Jahre 1982 eine feste Arbeitstelle an der GBS-Schule, eine Techniker-Schule in München, wo er bis Juli 2006 über 24 Jahre hinweg als beliebter und geschätzter Lehrer tätig war. Seine Fächer waren: Maschinenbau, Maschinentechnik und CAD (Computer Aided Design). Georg war ein Lehrer „mit Leib und Seele“. Nach dem Vorbild Jesu war er für seine Schüler „ein guter Hirte“. Seine Devise war, die Schüler kennen und verstehen zu lernen sowie Zeit und Geduld für sie haben, kurzum: sie zu lieben.
Sollte ich das Leben von Georg zusammenfassen, würde ich es mit der Hilfe von vier Begriffen tun: er war ein guter und liebender Ehemann und Vater, ein begeisterter Lehrer und ein hervorragender Trainer, und in allen Belangen ein guter Christ. Georg war ein Mensch, der im Leben immer geradlinig war, auf ihn konnte man sich verlassen.

Ein wichtiger Teil seines Lebens war das Fußballspiel. Ich vermute, diese Sportart spielte in seinem Leben deshalb eine so große Rolle, weil ihm bewusst war, dass so manches vom Fußball auf unser Leben übertragen werden kann. Vielleicht hätte auch Jesus uns heute beim Abschied von Georg mit folgenden Anfangsworten ein Gleichnis erzählt: „Mit dem Menschenleben ist es wie mit einem Fußballspiel…“
* Beim Fußball müssen die Spielregeln beachtet werden, sonst gelingt das Spiel nicht, sonst gibt es Unordnung und Spieler und Zuschauer haben keine Freude am Spiel, nur Ärger. Auch für unser Leben gibt es Spielregeln, Lebensregeln. Sie sind nicht von Menschen aufgestellt, sondern von Gott. Er hat sie uns gegeben, weil er es gut mit uns meint.
* Das Fußballspiel findet auf einem dafür bestimmten Platz statt, der eng begrenzt bleibt: 70 mal 105 M, sagt die Regel. Spielzeit – 90 Minuten, dann ist das Spiel aus. Auch wir haben uns zugewiesenen Lebensraum: in der Familie, im Beruf, in der Gesellschaft, in der Gemeinde. Wir haben auch von Gott bestimmte Zeit für das Spiel unseres Lebens. Es gibt aber weder Verlängerung noch ein Nachspiel. Es gilt das Ergebnis, das wir in der uns zugewiesenen Zeit erreicht haben – ein Platz, den wir uns erspielt haben. Denn auch Jesus spricht von Plätzen, die zu verteilen sind: auf der „linken“ oder „rechten“ Seite, „die Plätze am Tisch“, an dem Er selbst bedienen wird, die Plätze „im Haus seines Vaters“.
* Jede Mannschaft spielt gegen den Abstieg. Auch Jesus warnt uns vor dem Abstieg in das Reich der Dunkelheit.
* Wichtig ist für die Mannschaft, dass sie nicht nur Siege feiern, sondern auch Niederlagen verkraften kann, aus ihnen die richtige Schlussfolgerungen zieht. Ob dies nicht auch als eine wichtige Erkenntnis für unser Lebensspiel gelten müsste?
* Es ist wichtig für jede Mannschaft, wenn sie Stars, Individualisten hat, aber viel wichtiger ist es, ob sie eine Einheit bildet, ob die einzelnen Spieler aufeinander abgestimmt sind, ob sie sich verstehen. Der einzelne Spieler darf nicht seine eigene Wege gehen, sondern muss sich mit seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten ins Ganze einbringen. Vom Miteinander aller hängt das Gelingen ab. Dasselbe gilt auch für uns Christen. Christ ist man nie allein. Der Mensch spielt sein Lebensspiel in der Gemeinschaft, mit anderen, sei es in der Familie, in der Kirche, in der Schule oder am Arbeitsplatz.
* Das Spiel beginnt immer durch den Anstoß aus der Mitte. Nach jedem geschossenen Tor wird das Spiel immer wieder aus der Mitte fortgesetzt. Auch das Lebensspiel bedarf einer Mitte. Was ist die Mitte unseres Lebens? Nicht so sehr ein Ort, sondern das, was für mich von Bedeutung bleibt, worauf ich mich immer besinnen kann und von wo ich immer neu anfangen kann. Für uns Christen ist diese Mitte Jesus Christus – bei Ihm verlieren wir in den Freuden des Lebens nicht das Maß und er vermag uns aufzurichten in jeder Niederschlagendheit.
* Und was geschieht am Ende des Spiels, wenn der Schlusspfiff ertönt? Die Siegermannschaft wird geehrt und erhält einen Pokal. Bei uns ist es auch so. Allerdings mit einem großen Unterschied: Gott selbst nimmt die Ehrung vor, indem Er uns den Pokal seines göttlichen Lebens überreicht und uns in seine Freude aufnimmt. Dies ist für Georg schon Wirklichkeit geworden!

Gott hat zu ihm auf der Schwelle vom Diesseits ins Jenseits gesagt: Wir haben dieses Leben miteinander geteilt. Du warst mein Mit-Schöpfer, mein Mit-Arbeiter, mein Mit-Spieler. Wir lassen einander doch nicht los! Gelöst von deinem irdischen Körper nehme ich dich in mich auf. Mit allem Guten, was du getan hast, bis du in mir gewachsen und lebst in mir weiter. Ich lege meine Hand auf dich. Hab Vertrauen. Ich lasse dich nicht los. Komm!
Unser lieber Jörg lebt jetzt das, was uns die Offenbarung des Johannes vor Augen stellt. Gott selbst wird mit ihm sein und jede Träne aus seinen Augen wischen. „Ich werde ihm Gott sein und er wird mir Sohn sein“ (Offb 21,7).

Dr. habil. Jerzy Grzeskowiak, Pfarrer i. R
München, am 16.05.2012

Zum Portal